Ein Abend mit den Boys of Straits in Malaysia

von Shamsudin Kirsch & Sebastian Dierich (Fotos) |

Volles Haus bei den Tigern des Südens aus Johor in Malaysia. Über 30000 Zuschauer sind gekommen, um das Halbfinal-Rückspiel im malaysischen Pokal Johor DT gegen die Gäste aus Terengganu zu sehen. Es ist an diesem 20. Oktober 2018 möglicherweise das letzte Spiel im altehrwürdigen Larkin-Stadion, denn in der nächsten Saison soll der mittlerweile fast fertige Neubau eingeweiht werden. Die Betonung liegt auf „fast“, und darum kann es durchaus sein, dass es doch noch eine Verlängerung fürs Larkin gibt.

Aber zurück zum Halbfinale: Das Hinspiel konnte Terengganu mit 1:0 für sich entscheiden. Somit steht der Serienmeister aus Johor nun unter Zugzwang.

Mittendrin im Fanblock der berüchtigten Johor Ultras, der Boys of Straits (BoS), sind wir, drei Deutsche. Während zwei von uns, mich einbegriffen, Fußball gerne auf dem Sofa mit ’nem Bierchen genießen, ist der Dritte im Bunde eingefleischter Hannover 96 Fan, der wie geboren für den Fanblock scheint. Zufällig ist er auch Fotograf und heute bewaffnet mit seiner Kamera. Während wir zwei Couch-Potatos uns einen geeigneten Platz zum sitzen etwas abseits der Ultras suchen, schmeißt sich unser 96er ins Getümmel um die Boys in Aktion zu fotografieren und braucht prompt zehn Minuten für die ersten fünfzig Meter, da ihn einige noch von seinem letzten Besuch ein paar Wochen zuvor kennen. Oder liegt es an seinem kurz vorm Spiel im eigens für uns aufgelassenen Boys of Straits Fanshop erworbenen T-Shirt kombiniert mit seinen blonden Haaren? Egal.

Obwohl das Stadion voll ist und wir im Fanblock stehen, ist es ziemlich still. Im Internet haben wir singende Fans mit ausgereiften Choreografien und eigenen Songs gesehen, die mächtig Stimmung machen. Der YouTube Kanal Copa90 hatte die Boys of Straits in seinem Ranking der fünf besten Ultra Gruppen in Asien auf Platz 3 gelistet. Vor drei Jahren, als der BVB ein Gastspiel in Johor auf seiner Asientour gab, wurden die Dortmunder bei ihrer Einfahrt mit dem Bus vor dem Stadion von den BoS noch mit Bengalos empfangen. Jetzt stehen wir hier und es ist nichts los.

Für die Nationalhymne stehen alle auf und singen. Die Hymne war der Startschuss, denn danach beginnen die BoS mit ihrem ersten Song. „Johor luaskan kuasamu“ („Johor erweitert deine Macht“) lautet das Motto des Vereins und wird nun lauthals im Kanon gesungen. Das Spiel geht los. Es trommelt. Die Stimmung ist endlich da. Auch wenn die Uhr bereits 21 Uhr anzeigt, sind es immer noch schwüle 26 Grad bei über 90 % Luftfeuchtigkeit. Nach 10 Minuten Spielzeit halten wir es nicht mehr aus und brauchen etwas zu trinken. Ein kühles Blondes wäre jetzt nicht schlecht. Aber uns ist klar, dass es in dem muslimischen Land kein Bier im Stadion gibt. Ein Lime Juice tut es auch.

Wie erwartet beginnt Johor druckvoll. Ein Spieler, der gleich mit seinem Afro auffällt, ist der linke Verteidiger von Johor. Es ist La’Vere Corbin-Ong, den vielleicht noch einige aus der 3. Liga und Regionalliga Nordost kennen, wo er vor ein paar Jahren noch für den FSV Frankfurt und den Berliner AK gespielt hat.

Nach 20 Minuten spielt nur eine Mannschaft nach vorne. Doch Terengganu kann immer wieder mit seinem Stürmer Tchetche von der Elfenbeinküste gefährlich kontern. Bisher haben die Boys of Straits noch keine Minute Pause gemacht mit ihrem Gesang. Auch wenn Johor sich die ein oder andere Chance herausspielen kann, dauert es bis zur 40. Minute, bis die Tiger des Südens über einen Foulelfmeter in Führung gehen können. Mit der knappen Führung gehen sie dann auch in die Halbzeit.

Unser Lime Juice ist schon längst ausgeschwitzt und wir machen uns auf dem Weg, einen neuen zu organisieren und unseren Fotografen zu finden. Nach ein paar Whatsapp-Nachrichten sind wir wieder vereint. Er ist noch viel verschwitzter als wir. Hat aber ein viel breiteres Grinsen auf dem Gesicht. „Boah ist das geil!“ sein kurzes und knappes Fazit der ersten Hälfte. Er fügt noch hinzu, dass er schon über 700 Fotos geschossen habe. Am Anfang hat er doch sehr großen Respekt vor den martialisch aussehenden Ultras gehabt. Merkte aber schnell, wie freundlich die Boys wirklich sind. „Die lassen mich wirklich überall hin“ fügt er noch an.

Am Lime Juice Stand merken wir schnell, dass es keinen Lime Juice Stand mehr gibt. Nach kurzer Nachfrage erfahren wir, dass schon lange alle Getränke ausverkauft sind. Aber ’ne Pizza könnten wir haben. „Pizza macht durstig, ne?“ Besser nicht. Nach kurzer Beratung entschließen wir, uns gemeinsam unter die Ultras zu mischen, bei denen unser 96er bereits erste Kontakte geknüpft hat. Bei den Boys angekommen drückt man uns direkt ein paar Flaschen Wasser in die Hand, die munter durch den Rang geworfen werden. „Woah, genau das Richtige jetzt.“ Schnell merken wir, dass unser Fotograf selbst zum beliebten Motiv geworden ist. Jetzt, wo wir drei Europäer zusammenstehen, kommen immer wieder Leute, die mit uns ein Foto machen wollen. Wir werden sehr freundlich aufgenommen und kommen schnell ins Gespräch mit den Locals.

Pünktlich zur zweiten Halbzeit geht der Schlachtgesang wieder los. Die Trommler hauen voll rein und die Choreos sind wieder am Start. Dieses Mal stehen wir mitten in den Reihen der Ultras und nicht daneben. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Jeder, der mal im Fanblock stand kennt diese warmen Vibrationen, die durch den Körper schwingen verursacht durch die Schlachtgesänge. „Boa ist das geil.“

Die zweiten 45 Minuten beginnen so wie die Ersten aufgehört haben. Johor macht weiter Druck und wird in der 62. Minute mit einem 2:0 nach Ballgewinn vom Ex-Frankfurter Corbin-Ong belohnt. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Wir schauen uns an und singen: „KL, KL wir fahren nach KL“ und verabreden uns schon mit den umstehenden Boys für nächste Woche. Denn das Finale findet sieben Tage später im 80.000 fassenden Shah-Alam-Stadion in der Nähe der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur statt, die hier überall nur KL (englisch ausgesprochen) genannt wird. Unsere Freude hält allerdings nur bis zur 68. Minute, als nach einer präzisen Hereingabe der Ivorer Tschetche den Ball trocken in den Winkel haut. Komischerweise tut das der Stimmung keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Die Boys of Straits singen einfach weiter, nur jetzt singen auch die mitgereisten Fans aus Terengganu, von denen vorher kaum etwas zu hören war.

Johor muss also wieder angreifen und im direkten Gegenstoß gelingt fast der Ausgleich. In der 74. Minute landet der Ball im Tor von Terengganu. Leider Abseits. Also weiter. Dauerdruck der Blauroten Tiger des Südens. Das Spiel steht auf Messers Schneide. Angriffswelle über Angriffswelle rollt jetzt. Jedoch steht die schwarz-weiße Verteidigung Terengganus wie eine Mauer und lässt keine Großchance mehr zu. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nach einem Konter in der 92. Minute schlägt wieder eiskalt der schnelle Ivorer Tschetsche zu und beerdigt die Träume Johors von einer Titelverteidigung.

Der Kronprinz von Johor

Nach dem Schlusspfiff sieht man den Spielern die Enttäuschung an. Die BoS haben allerdings nie aufgehört zu singen und sind auch nach dem Spiel munter dabei. Vom Besitzer des Clubs, dem Kronprinzen von Johor, wird die Mannschaft animiert in die Kur,ve zu gehen, um sich bei den Fans zu bedanken. Der Kronprinz, der von allen hier nur TMJ genannt wird, ist jedoch der Einzige der den direkten Kontakt zu den Boys sucht und nun direkt vor der Linse unseres 96ers steht. Trotz der Niederlage scheint hier niemand wirklich enttäuscht zu sein, bis auf die Spieler. Vielleicht hinterlassen die 5 Meisterschaften, 2 Pokalsiege und ein AFC Cup (asiatische Europa League) in den letzten 5 Jahren eine gewisse Zufriedenheit. Und somit ist es dann doch ein versöhnlicher Abschluss der Saison. Bevor wir aber das Stadion verlassen können, müssen unsere verschwitzten Gesichter noch für ein paar Selfies herhalten und ein paar neue Instagram Kontakte werden aufseiten unseres Fotografen ausgetauscht. Immerhin haben wir den Boys versprochen Ihnen ein paar unserer Fotos zu schicken.

Jeder Fußball-Fan, der mal hier in der Gegend ist und die Chance hat, ein Heimspiel von den Tigern des Südens zu sehen, sollte das unbedingt machen. Die 10 Ringgit (2,20€) für eine Karte im Block B sind es auf jeden Fall wert. Deckt euch aber unbedingt vor dem Spiel mit genügend Getränken ein.