Malaysias IoT-Strategie

von Uwe Fischer

Die deutsche Popband Spliff hat es schon vor langer Zeit kommen sehen; in ihrem Song „Computer sind doof“ von 1982 sangen sie:

Der Wäschetrockner flirtet mit dem Video
Und sendet Strahlen, ein elektronischer Zoo
Die Kaffeemaschine löst den Toaster aus.

Was vor 35 Jahren als groteske Übertreibung der damaligen technischen Entwicklungen gemeint war, ist in den letzten Jahren Realität geworden. Heute bezeichnet man den Verbund von Geräten mit der Fähigkeit, Daten ohne direkte Interaktion zu übertragen, als „Internet of Things“ (IoT), oder auf deutsch „Internet der Dinge“. Alternativ werden auch die Begriffe „Web 4.0“ und „4. industrielle Revolution“ mit ähnlicher Bedeutung benutzt.

Internetverbundene mobile Geräte wie tragbare Armbänder oder Machine-to-Machine- oder M2M-Kommunikation sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern lediglich die Speerspitze einer Revolution. Laut IT-Experten hat IoT das Potenzial, die Lebensweise in modernen Gesellschaften grundlegend zu verändern.

Jeden Tag kommen Tausende von Geräten zum globalen Club der Internet-Verbindungen. Sie verwandeln Häuser in „smart homes“, Autos in „intelligente Autos“, sie überwachen unsere Gesundheit und ermöglichen Interaktionen von Industriemaschinen; die Liste der Möglichkeiten ist endlos. Schon jetzt ist abzusehen, dass es sich hier um einen weltweit wachsenden Billionen-Dollar-Markt handelt.

Nehmen wir den medizinischen Sektor, zum Beispiel: eine McKinsey-Studie [1] sagt voraus, dass im Jahr 2025 durch Remote-Monitoring der Gesundheit von Patienten mit chronischen Krankheiten etwa 1,1 Billionen Dollar pro Jahr generiert werden. Insofern ist es kein Wunder, dass führende Technologie-Innovatoren, Forscher, Führungskräfte, Akademiker und Regierungen weltweit daran arbeiten, den Weg zu ebnen für eine IoT-basierte Zukunft. Dies gilt insbesondere für gut entwickelte Länder mit einem hohen Anteil junger Menschen.

Ein Land wie Malaysia, zum Beispiel.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die malaysische Regierung sehr viel Energie in die Modernisierung des Landes gesteckt. Die 1996 eröffnete Wirtschafts- und High-Tech-Zone namens Multimedia Super Corridor (mittlerweile umbenannt MSC Malaysia) ist hierfür ein gutes Beispiel. Auf einer Gesamtfläche von ca. 750 km² dient der Korridor als Multimedia-Drehscheibe für innovative Firmen und Anwender von Multimedia-Technik. Der Korridor erstreckt sich von den Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur bis zum Internationalen Flughafen Kuala Lumpur KLIA (50 Kilometer südlich von Kuala Lumpur), und umfasst die Städte Putrajaya und Cyberjaya sowie den Hafen von Port Klang. Ebenfalls 1996 wurde die Malaysia Digital Economy Corporation (MDEC) gegründet, eine Agentur, die die Entwicklung des MSC beaufsichtigt.

Seitdem sind zwei Jahrzehnte vergangen, und die Informationstechnologie hat einen atemberaubenden Entwicklungs- und Transformationsprozess durchlaufen. 1996 nutzten etwa 45 Millionen Menschen das Internet. 21 Jahre später gibt es mehr als 3,5 Milliarden Nutzer, die Hälfte davon sind auf Facebook aktiv! Die meisten Internet-Unternehmen, die heute unser tägliches Leben bestimmen, waren im Jahre 1996 noch nicht einmal gegründet: Google eröffnete seine erste Niederlassung 1998. Napster, das erste Peer-to-Peer-Netzwerk, das es Benutzern ermöglichte, Musik über das Internet zu teilen, kam im Jahr 1999 (und wurde letztendlich von der Musikindustrie zur Aufgabe gezwungen). Facebook folgte 2004, Youtube im Jahr 2005.

Mit dem Erfolg von Facebook und ähnlichen Plattformen wurde der Begriff „Web 2.0“ populär. Gemeint sind damit Webseiten, die es den Nutzern ermöglichen,  in einer virtuellen Gemeinschaft zu interagieren und eigene Beiträge in sozialen Netzwerken zu teilen, im Gegensatz zur Web 1.0-Ära, in der dem User im Wesentlichen die Rolle des passiven Konsumenten zugeteilt war.

Mittlerweile sprechen wir von „Web 4.0“, um ein Netz von intelligenten Verbindungen zu beschreiben. Häufig hört man auch den Begriff „4. industrielle Revolution“, wenn man technologische Durchbrüche in einer Reihe von Bereichen beschreibt, darunter Robotik, künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, Biotechnologie, Internet der Dinge, 3D-Druck und die Entwicklung autonomer Fahrzeuge.

Malaysia hat sich vorgenommen, eine der führenden digitalen Nationen weltweit zu werden. „Die vierte industrielle Revolution steht kurz bevor und durch die anhaltenden Bemühungen der Regierung und des MDEC ist Malaysia zu einem der führenden E-Commerce-Märkte aufgestiegen und hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von USD 2,3 Milliarden erwirtschaftet“, so Premierminister Najib auf der MDEC-Website. Eines der nächsten Ziele des MDEC ist es, in Malaysia die weltweit erste digitalen Freihandelszone einzurichten.

„Die digitale Freihandelszone soll am 22. März 2017 gestartet werden,“ so Ng Wan Peng, COO von MDEC gegenüber MALAYSIA INSIGHTS. „Die Datenwirtschaft aus IoT und Big Data Analysis wird ein Schwerpunkt sein, darüber hinaus arbeiten wir an der Digitalisierung der Unternehmen und Mittelständer.“ Ziel sei es, so Fra Ng weiter, „die Produktivität zu steigern und neue Wachstumsquellen zu identifizieren“.

Auch das Internet der Dinge spielt eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung des Landes. Cyberjaya, eine IT-Themenstadt in Sepang, die oft auch als Silicon Valley bezeichnet wird, soll als Vorreiter bei der Entwicklung von „intelligenten und sicheren Städten“ durch IoT dienen. Ziel ist die Implementierung intelligenter Systeme für Verkehrsmanagement, öffentliche Sicherheit, Energiemanagement und anderer IoT-basierter Lösungen.

Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie IoT auch in einer landwirtschaftlichen Umgebung nützlich sein kann, liefert der Bezirk Sabak Bernam. Die Stadt liegt etwa 120 km nordwestlich von Kuala Lumpur,lebt von der Landwirtschaft und ist Heimat vieler Mangroven-Sümpfe. Mangrovenbäume erfüllen eine wichtige Funktion bei der Stabilisierung der Küstenlinie und reduzieren die Erosion von Sturmfluten, Strömungen, Wellen und Gezeiten dank ihres weitverzweigten Wurzelsystems.

In Sabak Bernam haben die Mangroven allerdings im Laufe der Jahre stark unter der Wasserverschmutzung gelitten. Die Bauern versuchten ihr Bestes, neue Pflanzen zu pflanzen – mit wenig Erfolg. Ein IoT-gesteuertes Pilotprojekt zielt nun darauf ab, die Landwirte zu unterstützen. Durch den Anschluss von Sensoren an die Mangrovenbäume ist es möglich, ihr Wachstum zu kontrollieren und kritische Informationen wie Boden- und Witterungsverhältnisse sowie Wasserstände zu erstellen. Die Informationen werden dem Internet zugeführt, so dass Landwirte, Analysten, NGOs und die Behörden die Daten auf ihren Handys überwachen und eingreifen können, wenn Probleme auftreten.

Weitere Lösungen aus dem IOT-Sektor in Malaysia werden auf der CeBIT im März 2017 in Hannover vorgestellt. „Wir haben neun malaysische Unternehmen, die an dieser Ausstellung teilnehmen“, so MATRADE-Handelskommissar für Deutschland Mr. Badrul gegenüber MALAYSIA INSIGHTS. MATRADE ist die Agentur für Außenwirtschaftsförderung in Malaysia und verantwortlich für die Organisation des Malaysischen Nationalen Pavillons auf der CeBIT. „Wir präsentieren innovative Produkte wie eine solar betriebene Parkuhr mit Smartcard-Einrichtungen oder Lösungen im Security-Bereich, aber auch Produkte der Consumer-Technologie im Zusammenhang mit IoT-Geräten und -Services. Andere Bereiche, in denen wir IoT- und andere Lösungen vorstellen, sind Gesundheitswesen, Finanzen, Telekommunikation noch vieles mehr.“ (Eine komplette Liste der malaysischen Aussteller finden Sie hier).

Die Bedeutung, die die malaysische Regierung dem IoT beimisst, lässt sich auch daran ablesen, dass 2015 eigens eine nationale „IoT Roadmap“ vorgestellt wurde. Es wird erwartet, dass die Umsetzung des Internet der Dinge (IoT) bis 2020 9,5 Milliarden Ringgit (etwa 2,5 Milliarden US-Dollar) zum Bruttoinlandsprodukt des Landes beitragen und insgesamt 14.270 hochqualifizierte Arbeitsplätze generieren wird.

Aber was sind die besten Pläne ohne engagierte und ausgebildete Menschen, um sie mit Leben zu füllen? In Malaysia, so scheint es, gibt es wenig Grund, sich darüber Sorgen zu machen. Die jüngere Generation ist besonders internet-affin, nicht nur als Konsumenten (Malaysier gehören zu den aktivsten Social Media Usern weltweit), sondern auch als kreative Entwickler.

Im Jahr 2016 wurde eine neue Initiative namens JOMHACK Malaysia gegründet. Unterstützt von wichtigen Industriepartnern sowie öffentlichen und privaten Agenturen bringt es junge IoT-Entwickler zusammen, um an so genannten „Hackathons“ teilzunehmen. Ziel dieser Veranstaltungen ist es, nutzbare Smart City-Lösungen zu entwickeln, die von Stadtverwaltungen und anderen zuständigen Stellen übernommen und umgesetzt werden können. Im November 2016 fand eine der Wettbewerbe beispielsweise in Penang statt. 90 Teilnehmer aus der ganzen nördlichen Region bildeten 30 Teams, um neue Ideen zu entwickeln und zu präsentieren. Heraus kamen Lösungen wie ein „Smart Drainage System“ voder ein „Electric Vehicle Monitoring System“. Der erste Preis ging an ein Team, das eine Abfallmanagement-Lösung vorstellte.

Ein Nebeneffekt des IoT ist, dass eine riesige Menge an Daten anfällt. Daher werden nicht nur Entwickler benötigt, sondern auch Datenwissenschaftler. Laut einem Artikel, der in der New Straits Times im Januar 2017  veröffentlicht wurde, will Malaysia bis 2020 2.000 Stellen für Datenwissenschaftler und 16.000 für Datenexperten schaffen. Derzeit gibt es gerade mal etwas mehr als 300 Datenwissenschaftler.“

Auch die MDED hat weitere IoT-Projekte in der Pipeline. Die Agentur ist derzeit an der Umsetzung von Lösungen in den Bereichen Qualitätssicherung und -sicherung, Verkehrsmanagement und Smart beteiligt. Mit ehrgeizigen Projekten wie diesen sieht sich Malaysia in einer „herausragenden Position zur Einführung der digitalen Wirtschaft“, wie MDEC stolz auf seiner Website verkündet.

Dennoch ist es ein weiter Weg, bevor das IoT ausgereift ist und ein wesentlicher Bestandteil unseres alltäglichen Lebens sein kann. Laut einer Untersuchung des Internet of Things Institute, die im Jahr 2016 durchgeführt wurde, hatten 19% der befragten Unternehmen und Regierungsbeamten noch nie von dem Internet der Dinge gehört. Weitere 18% gaben an, sie seien nur vage vertraut. Unter Verbrauchern ist der Begriff IoT sogar noch weniger bekannt. Im Jahr 2015 zeigte eine weitere Studie, dass nur die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung (51%) den Begriff schon einmal gehört hat.

Auf der anderen Seite legt eine von Forsa im September 2016 durchgeführte Untersuchung nahe, dass die tatsächliche Umsetzung von IoT durchaus im Bewußtsein der Bevölkerung verankert ist. Die Untersuchung ergab, dass 94% der deutschen Befragten bereits davon gehört hatten, Heiz-, Fenster- und Haushaltsgeräte zu Hause über das Internet oder via App zu steuern und zu automatisieren. Ähnliche Werte wurden im Falle von Smart Cars, Fitness-Apps und Wearables gemessen.

Die Popularisierung des Konzepts ist natürlich nur zweitrangig. Viel problematischer ist die Entwicklung und praktische Umsetzung. Zwischen dem verbraucherorientierten Internet der Dinge und dem industriellen, das alles von Bau, Verkehr, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Öl und Gas, Energie und Wasser umfasst, gibt es bereits eine signifikante Differenz“, heißt es in einer Einschätzung des „Internet of Things Institute“ (IoTI). Die Entwicklung gemeinsamer Standards und Protokolle, die Datenspeicherung in der Cloud und nicht zuletzt eine Armada von Sicherheitsfragen, einschließlich der Möglichkeit von Datenverletzungen, Backdoors in Heimsystemen und Fahrzeugen, die von feindlichen Eindringlingen gehackt werden, müssen gelöst werden.

Aber letztendlich wird die wichtigste Frage von allen vielleicht die folgende sein: Was werden alle diese „intelligenten“ Dinge mit uns tun? Werden sie uns beschützen, uns unterhalten, unser Leben vereinfachen? Oder werden sie uns bevormunden, uns versklaven, unser Leben kontrollieren? Wollen wir wirklich die Verantwortung für unser Leben intelligenten Maschinen anvertrauen? Ist „Intelligenz“ in diesem Zusammenhang ein Fluch oder ein Segen?

Für IBM ist die Entscheidung offenbar klar. Mit seiner Software Watson – ein Computer-System, das in natürlicher Sprache gestellte Fragen beantworten kann – ist das Unternehmen führend bei der Eintwicklung des IoT. Aber ist die folgende Projektion, mit der IBM auf seiner Website für Watson wirbt wirklich das, was wir wollen?

Stellen Sie sich vor, Sie beschließen, Sie möchten abnehmen. Und Ihre Smart Watch erzählt Ihren Kühlschrank, „Justiere die Ernährung so, dass wir 5 Pfund abnehmen.“ Und die Gefriertruhe synchronisiert sich mit der Speisekammer und Ihrem Telefon und Ihrem Auto, um automatisch eine neue Diät zu errichten. Das System, angetrieben durch künstliche Intelligenz, würde gesunde Rezepte im Web abfragen, ihre Zutaten für Ihren nächsten Einkauf bestimmen (oder automatisch bei einem Online-Lebensmittelhändler einkaufen) und mit Ihrem Kalender und Ihrem Budget abstimmen – alles in der Hintergrund. Nicht nur das, sondern Ihre vernetzten Geräten würden auch verstehen, wie verschiedene Geschmackskombinationen zusammenpassen, Ihre Geschmacksvorlieben berücksichtigen und neue Rezepte zur Verringerung der Natrium-oder Kohlenhydratzufuhr anbieten. Chef Watson, Trainer Watson, Buchhalter Watson und Personal Assistant Watson, alles in einem.

Die britische Rockband Electric Light Orchestra hat es schon vor langer Zeit kommen sehen. In ihrem Lied „Yours Truly 2095“ von 1981 sang sie:

I met someone who looks a lot like you
She does the things you do, but she is an IBM

She is the latest in technology
Almost mythology, but she has a heart of stone
She has an IQ of 1,001
She has a jump suit on, and she’s also a telephone.

(Ich traf jemanden, der so aussieht wie du
Sie tut dasselbe wie du, aber sie ist ein IBM

Sie ist die neueste Technologie
Fast Mythologie, aber sie hat ein Herz aus Stein
Sie hat einen IQ von 1.001
Sie hat einen Overall an, und sie ist auch ein Telefon.)

Es scheint, als habe Jeff Lynne, der Komponist des Songs, gar nicht so falsch gelegen. Außer vielleicht mit dem Overall.

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